Koster Geschichte

Das Kloster
der Arenberger Dominikanerinnen 


10. April 1868 — die ersten Dominikanerinnen auf dem Arenberg; 22. Juli 1868 — die erste Einkleidung in der Pfarrkirche Arenberg. Seitdem sind 100 Jahre vergangen. Ist es berechtigt, deswegen ein JubilĂ€um
zu feiern?


100 Jahre sind eine lange Zeit, in der vieles in der Geschichte der Menschheit sich Ă€ndern kann. Aber es ist doch wohl noch kein Jahrhundert gewesen, das von einer solchen Dynamik erfĂŒllt war wie dieses letzte. Wenn wir in die große Geschichte hineinschauen, so heißt das: Norddeutscher Bund unter preußischer FĂŒhrung, Kaiserproklamation vom 18. Januar 1871, Zunahme der Bevölkerung in Deutschland von 41 Millionen in Jahre 1871 auf 65 Millionen im Jahre 1914, dauernder wirtschaftlicher Aufschwung, Industrialisierung, Imperialismus, der europĂ€ischen Staaten, Erster Weltkrieg mit seinen schlimmen Folgen: Inflation, wirtschaftliche Verelendung mit allem, was wir noch miterlebt haben. Letztes Jahrhundert, das ist Schluß mit der Postkutsche, Bau der Eisenbahn, Autostraße, Erfindungen von Flugzeug, Rundfunk, Fernsehen und alles, was damit verbunden ist. In dieser Zeit fallen aber auch die Versuche zur GrĂŒndung eines Groß – Deutschland, fĂ€llt der zweite Weltkrieg, die Spaltung Deutschlands und im ganzen gesehen die Ablösung der europĂ€ischen GroßmĂ€chte durch die Völker, die frĂŒher in der großen Politik nicht ganz ernst genommen wurden. Dieses letzte Jahrhundert bedeutet ĂŒberdies noch Demokratisierung, Emanzipation der Frau, Entstehung neuer MĂ€chte in Zeitungswesen und NachrichtenbĂŒros, kurzum Ablösung der Absolutismus der FĂŒrsten durch die Macht der Propaganda.

Mitten in diesem dauernd wachsenden Wirbel steht aber der Mensch mit seinem großen Sehnen nach Zufriedenheit und GlĂŒck und steht eine Kirche, deren Aufgabe, die Menschen auf das wahre GlĂŒck  hinzuweisen und zu ihm hinzufĂŒhren, immer schwerer wird durch das Überangebot an materiellem Wohlstand und die damit verbundene stĂ€ndig wachsende Genußsucht.

1869/70 fand das Erste allgemeine Konzil im Vatikan statt; in unseren Tagen war seine Fortsetzung im Zweiten Vatikanischen Konzil. Welch ein Wandel im SelbstverstÀndnis der Kirche, in ihrer AutoritÀtsauffassung und der Heilsaufgaben an der Welt!
Was will es da heißen, wenn eine Gemeinschaft von rd. 700 Menschen in dieser Zeit den Anspruch erhebt, fĂŒr sich allein etwas zu bedeuten und deswegen ein großes JubilĂ€um zu feiern. Die Weltgeschichte hĂ€tte doch genau denselben Verlauf genommen, auch wenn diese Arenberger Dominikanerinnen im letzten Jahrhundert nicht dabeigewesen wĂ€ren. Von heutiger Sicht aus könnte man so denken. Aber wenn etwa ein Jaspers gefeiert wurde, als er 85 Jahre alt war, oder wenn man andere MĂ€nner und Frauen ehrt, die als KĂŒnstler oder Philosophen oder sonstwie etwas geleistet, so wird man auch sagen dĂŒrfen, daß noch andere Menschen ebenfalls wertvolle QualitĂ€ten besaßen und Werte verwirklichten, die fĂŒr ihre Zeit von großer Bedeutung gewesen sind. Wenn jeder Mensch ein einmaliges Wesen, christlich gesprochen, ein Gottesgedanke ist, hat es schon Sinn zu sehen, wie das Schaffen und Arbeiten der Arenberger Gemeinschaft das Dasein und Wirken Gottes in unserer Zeit erahnen und spĂŒren lĂ€ĂŸt. Vielleicht ließe sich das alles aus zwei SĂ€tzen erklĂ€ren, die wir dem Lukas – Evangelium entnehmen können: »In jener Zeit ward der Engel Gabriel nach Nazareth gesandt.

 

« Wir sprechen so oft:
»Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft«

und

»Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Worte.«

Den anderen Satz finden wir bei Luk. 11, 28:

»Ja, selig, die das Wort Gottes hören und es befolgen.«

Sie können der SchlĂŒssel sein zum Verstehen der Arenberger
Klostergemeinschaft vor 100 Jahren und auch heute.
 

Gottes Engel können verschiedene Gestalt annehmen, je
nachdem Zeit und Stunde es erfordern. Eine Botschaft Gottes war es aber sicher, als im FrĂŒhjahr 1868 Josefine Willimann im Kloster der Dominikanerinnen in Schwyz gefragt wurde, ob sie bereit sei, die Heimat zu verlassen und an den Rhein zu fahren,um in der NĂ€he von Koblenz mitzuhelfen, ein Dominikanerinnenkloster zu grĂŒnden. Ob sie nicht auch erschrocken ist, wie es der Jungfrau Maria einst geschah?
Josefine war 26 Jahre alt, hatte weder Vater noch Mutter, war
vor etwa einem Jahr ihrer Schwester ins Kloster St. Peter gefolgt, aber nach einiger Zeit wegen ihrer schwachen
Gesundheit als untauglich entlassen worden. Und jetzt sollte sie in fremder Erde, bei fremden Menschen das verwirklichen, was ihr in der Heimat, bei ihren Schweizer Landsleuten nicht gelungen war! Wenn sie aber trotz aller Angst und Not auf die Frage eine bejahende Antwort gab, so deshalb, weil sie sich
innerlich gedrĂ€ngt fĂŒhlte und ĂŒberzeugt war, sich diesem Rufe nicht versagen zu dĂŒrfen. Am 16. Juni traf sie in Arenberg ein. Es ist der MĂŒhe wert, in heutiger Zeit darauf ganz besonders hinzuweisen, da so viele junge Menschen den Weg zum Priestertum oder auch zum Ordensleben nicht mehr finden, weil sie es nicht fertigbringen, sich selber aufzugeben, um sich ganz dem Herrgott und seiner FĂŒhrung anzuvertrauen.

Es ist in der Theologie schon viel von der Nazarethstunde gesprochen worden, in der das Jawort Mariens der Menschheit den Heiland brachte. Eine Nazarethstunde war es auch, als Schwester Cherubine Willimann, die durch den Deutsch – Französichen Krieg den Arenberg hatte verlassen mĂŒssen, an
Pfarrer Kraus, der sie Ende 1870 zurĂŒckzurufen versuchte, Folgendes schrieb:
»Da Sie nicht ohne einige BeĂ€ngstigung in der Wahl des kĂŒnftigen Ortes meiner Wirksamkeit entscheiden zu können glauben, so schreite ich Ihrem vĂ€terlichen Rat folgend, nach Beratung meiner Obern, nach vielem inneren Gebete zur eigenen Wahl. Auf meinen lieben, gĂŒtigen Gott vertrauend, der mich gewiß in diesem wichtigen Augenblick nicht gehen lassen wird, so bezeichne ich als den Ort meines kĂŒnftigen Wirkens das kleine Klösterchen in Arenberg, wenn Euer HochwĂŒrden mit meinem Entschluß einverstanden sind. Da, wo ich dem göttlichen Heiland als Braut angetraut und Ihm das Opfer meiner selbst auf den Altar gelegt habe, da wĂŒnsche ich, wenn es nicht anders der Wille Gottes ist, auch zu vollenden.« Nazarethstunde:

»Siehe, ich bin die Magd des Herrn.«

So sollte dies Wort dem Arenberg zum Heile gereichen, so sollte Mutter Cherubine die Mutter der Arenberger Gemeinschaft werden.
Sie stand darum auch treu zu diesem Wort, wÀhrend der Jahre von 1871 bis 1879, da sie die Kirche und die heiligen StÀtten pflegte und als ambulante Krankenschwester den Verlassenen Hilfe brachte. Liebe Dinge werden aus dieser Zeit berichtet. So etwa, wenn sie einem alten Manne seine lange Pfeife
anzĂŒndete und so lange daran zog, bis der alte Herr selber damit zurechtkam. Vorkonziliares oder nachkonziliares Verhalten? – »Das Höchste aber ist die Liebe.« – Sie stand zu ihrem Ja auch in den folgenden Jahren, als sich entscheiden mußte, ob aus dem kleinen Klösterchen das Mutterhaus einer
großen Gemeinschaft werden sollte oder nicht.

»Was willst du, Herr, das ich tun soll?«

so hat es der hl. Paulus in seiner Damaskusstunde gesagt. In
diesem Geiste hat auch Schwester Cherubine in dieser harten, belastenden Zeit um Klarheit gefleht.

Der 19. Mai 1885 entschied das schwere Ringen um die Existenz ihres Hauses, da Bischof Korum an diesem Tage das Kloster von allen Bindungen löste, ihm die SelbstĂ€ndigkeit gab und Cherubine Willimann zu seiner Oberin machte. Sie schrieb damals an das Generalvikariat in Trier: »Hoffentlich wird uns jetzt ein einheitliches, ruhiges Voranschreiten in unseren kleinen Wirkungskreis vom lieben Gott beschieden sein.« Dies Wort beweist, wie sie ĂŒber all das Vergangene der letzten schweren Jahre dachte. Der Christ muß auch die irdische Welt, in der wir leben, ernst nehmen, so lautet die Forderung, die heute immer
wieder von geistlichen und weltlichen Stellen erhoben werden. HĂ€ufig ist damit der Vorwurf verbunden, daß viele fromme Menschen und besonders Ordensleute das oft nicht getan hĂ€tten und auch heute noch nicht immer tun. Ob doch nicht manches von diesen VorwĂŒrfen ĂŒbertrieben ist? Wer sich mit der
Baugeschichte des Arenberger Mutterhauses beschĂ€ftigt, wird immer wieder staunen und fragen: »Wie war es möglich, daß in 15 Jahren aus dem Klösterchen von 1868 all das werden konnte, was heute das Mutterhaus aufweist: Vorderhaus, Kirche Internat, Noviziat und WirtschaftsgebĂ€ude?« Planend und
verantwortlich leitend stand hinter all dem die Klosterfrau, die sich der Herrgott zu seinem Werke erkoren hatte: Schwester Cherubine Willimann. Sie war es auch, die schon bald eine grĂ¶ĂŸere Anzahl von Filialen grĂŒnden konnte: in den rheinischen GroßstĂ€dten DĂŒsseldorf, Elberfelden, Remscheid und sogar zwölf in Berlin, und die Altenheime und WaisenhĂ€user einrichtete, um der herrschenden körperlichen und seelischen Not abzuhelfen.
In den letzten Monaten vor ihrem Heimgang erlebte sie noch die GrĂŒndung der Filiale Euskirchen, wo die Schwestern von den Ursulinen eine Schule ĂŒbernahmen. Unter Schwester M. Chrysostoma Weber blĂŒhte dort im Oberlyzeum mit angeschlossenem KindergĂ€rtnerinnen- und Hortnerinnen – Seminar und Haushaltsschule ein Zentrum der MĂ€dchenbildung auf, das fĂŒr viele junge Menschen unvergĂ€ngliche Lebenswerte schuf.
Das Menschenkind, dass all das geleistet hat, darf ruhig kluge Frau bezeichnet werden. Wenn sie es noch fertigbrachte, zwei caritative weltliche Gemeinschaften zu ĂŒbernehmen, eine aus Berlin und eine aus Oberhausen/Rhld., um sie mit ihrer Kongregation zu verschmelzen, war das ein Wagnis, das andere
abgelehnt hatten, das aber beweist, das diese kluge Frau auch ein sehr mutiger Mensch gewesen ist.
Beides aber erwuchs letztlich aus dem ganz großen Gottvertrauen, das Cherubine Willimann beseelte.
Doch hier gilt es ja nicht, eine Biographie von ihr selbst zu schreiben, denn schließlich hat sie ja nur von 1868 bis 1914 in der Kongregation gearbeitet. Hier geht es darum, darĂŒber hinaus auf den gesamten Zeitraum von hundert Jahren zurĂŒckzuschauen. Denn die Schwestern der spĂ€teren Generationen haben sich bis heute nach ihrem Bilde geformt und sie stets als ihre Mutter betrachtet und verehrt.
Die Geschichte hat uns viel erzĂ€hlt von dem Kloster Cluny, von dem die große religiöse Reform im frĂŒheren Mittelalter ausgegangen ist.
Vielleicht war dies bloß deshalb möglich, weil den ersten Äbten von Cluny eine lange Lebenszeit beschieden war, und damit eine einheitliche Tradition geschaffen werden konnte.
Es soll der Arenberg nicht mit Cluny verglichen werden, aber der Herrgott hat ihm doch ein Ă€hnliches GlĂŒck beschieden. Die Jahre von 1885 bis 1914 waren entscheidend vom Geiste Mutter Cherubine Willimanns bestimmt. Daran Ă€nderte das Generalpriorat von Mutter Dominika Savels von 1902 bis 1908
nichts. Es war vielmehr geeignet, die Schwestern von Oberhausen, die Schwester Dominika nach dem Arenberg gebracht hatte, enger mit der ganzen Gemeinschaft zu verbinden. Schwester Paula Birnbach, die nach Mutter Cherubine die Leitung der Genossenschaft ĂŒbernahm, konnte das gleiche bei den Schwestern tun, die den Weg ĂŒber Berlin zum Arenberg gemacht hatten. Mutter Paula Birnbach war
selber Kind der Reichshauptstadt und hatte im bĂŒrgerlichen Leben eine leitende Stellung im höheren Schulwesen innegehabt, bis sie dann wahrscheinlich durch die Herren des I. Ordens auf dem Arenberg hingewiesen wurde. Sie war die geeignete Frau, die Arenberger Schwestern in der kaiserlichen Zeit und
im Geschehen des Ersten Weltkrieges in der großen Öffentlichkeit der Reichshauptstadt heimisch zu machen. Sie hat durch ihre Verbindungen zum schlesischen Adel auch die Filiale in Breslau gegrĂŒndet und es sah einmal so aus, als ob Berlin, in dem damals zwölf Filialen der Dominikanerinnen bestanden, dem Mutterhaus am Rhein Konkurrenz machen wĂŒrden. Es lag dies nie im Sinne von Mutter Paula
Birnbach, die stets treu zu Mutter Cherubine und Bischof Korum von Trier stand, wenn sie auch wußte, dass die HĂ€user in Berlin ein gewisses Eigenleben haben mußten.
Das volle Zusammenwachsen zwischen Ost und West, zwischen Schule, Krankenhaus und Altenheim gelang erst unter dem Generalpriorat von Mutter Thomasia KĂŒckhoven, die von 1921 bis 1946 die Gemeinschaft leitete. Dem JĂŒlicher Land entstammend, Lehrerin der alten preußischen Schule, trat sie
sehr frĂŒh ins Kloster ein und wurde nach lĂ€ngerer TĂ€tigkeit im Arenberger Internat und in der Leitung des Vincenzhauses in Oberhausen an die Spitze der Genossenschaft gestellt. Ihr klarer Blick fĂŒr die Notwendigkeiten des Lebens, eine feste Gesundheit und eiserne Willenskraft machten es ihr möglich, die Zeit der Inflation, des Ruhrkampfes und der folgenden Jahre so zu meistern, daß die Gemeinschaft das
Dritte Reich mit seinem offenen und verstecktem Klosterkampf sicher durchstehen konnte.

Auch die schrecklichen Verluste, die der Bombenkrieg an Menschen und HĂ€usern mit sich brachte, wußte sie zu tragen, ohne all dem Schweren zusammenzubrechen. Wie ihr dabei allerdings zumute sein mochte, lĂ€ĂŸt sich ahnen, wenn sie einmal zu einer vertrauten Schwester sagte:

»Beten Sie doch, daß der Herrgott uns wenigstens das Mutterhaus lĂ€ĂŸt; wo sollen wir sonst alle unsere Schwestern, die ihr Heim verloren haben, unterbringen!«

Der Herrgott war denn auch dem Arenberg gut. Mutter Thomasia konnte noch nach der ersten bescheidenen Ausbesserung der HĂ€user die Heimholung aller Schwestern, die
wÀhrend des Krieges in Regensburg, Schlehdorf und Ursberg und anderswo in Sicherheit gebracht waren, erreichen. Dann gab sie im Jahre 1946 die Leitung der Gemeinschaft an Mutter Maria Gratia Störmann ab, diese wurde 1958 von Mutter Aloysianna Geis abgelöst, der jetzigen Generalpriorin.

Was unter Leitung der beiden letzteren an Ă€ußerem und innerem Aufbau geleistet wurde, erzĂ€hlen die Mutterhauskirche und das Marianum in Arenberg, die KrankenhĂ€user in Köln-Braunsfeld, Moselweiß, DĂŒsseldorf, Elberfeld, Remscheid und Berlin, die Altenheime in Oberhausen, Kirchherten, Daleiden, das Jugendhaus in DĂŒsseldorf-Heerdt und andere. Die Ă€ußere Anpassung der Gemeinschaft an die modernen LebensverhĂ€ltnisse ist wohl ĂŒberall erreicht, aber auch die Umarbeitung der Konstitutionen ist
erfolgt und die des liturgischen Gebetes ist in vollem Gange. Hier sei besonders den Herren des I. Ordens fĂŒr ihre wertvolle Mitarbeit gedankt. Es mag besonderer Beachtung wert sein, daß unter FĂŒhrung der jetzigen Generalpriorin die
Gemeinschaft der Dominikanerinnen auch eine Missionsstation in Bolivien gegrĂŒndet hat, wodurch ein
Herzenswunsch Mutter Cherubine Willimann, wenn auch erst nach Jahrzehnten, in ErfĂŒllung gegangen ist. Acht Schwestern sind es, die heute in Comarapa arbeiten und schon vier Novizinnen eingekleidet haben.

Der Gottessegen, der der Kongregation fĂŒr den Aufbau dieses Missionswerkes versprochen worden ist, mag sich denn auch in allen HĂ€usern, besonders auch bei den Schwestern in Ost – Berlin, in Michendorf und Oranienburg in der Mark auswirken. In Michendorf ist seit 1959 ein Noviziat errichtet. Möge auch hier sich erfĂŒllen, was Christus betete:

»Vater, laß alle eins sein – .«


Jeder Mensch ist Kind seiner Zeit! Das gilt auch fĂŒr die Menschen im Ordenskleid. Aber — macht es die Arbeit der Ordensfrauen nicht geringwertig, wenn heute so oft gesagt wird, den modernen Frauengemeinschaften fehle es an einer wahren SpiritualitĂ€t —?

Sie wurden doch durch die VerhÀltnisse des 19. und 20. Jahrhunderts immer wieder vor stÀndig wechselnde und immer wachsende Aufgaben gestellt. Haben sie nicht immer wieder versucht, dem mit Einsatz aller Kraft gerecht zu werden und
unbeirrt nach dem Heilandswort zu handeln

»Was ihr dem Geringsten meiner BrĂŒder tut/ das habt ihr mir getan«

Wenn sie damit auch vor mancher modernen Kritik vielleicht nicht bestehen können, — Gott wird ihnen seine Anerkennung sicherlich nicht versagen. Vielleicht könnte es so scheinen, als ob diese Darstellung die Vergangenheit idealisieren wolle. Aber dem ist nicht so. Sie grĂŒndet auf einem ernsten Studium, das seinen Niederschlag in der »Caritas vom Arenberg« fand. Und es ist der MĂŒhe wert zu wissen, daß Archivstudien, die in den letzten Jahren auch von anderer Seite gemacht worden sind, diese Darlegungen bestĂ€tigt haben.

1885 zÀhlte die Arenberger Gemeinschaft 16 Schwestern. Beim Tode von Mutter Cherubine waren es etwa rund 700. Sicher ein erstaunliches Anwachsen, wenn man bedenkt, das um den Arenberg die MutterhÀuser von Waldbreitbach, Marienhof, Dernbach und Nonnenwerth liegen. Zweifellos haben die
Patres des Dominikanerordens und viele andere Welt- und Ordenspriester manche Schwestern Arenberg gefĂŒhrt. Aber es muß doch auch etwas Gewinnendes von der Persönlichkeit der ersten Generalpriorin und ihren Nachfolgerinnen ausgegangen sein, sonst wĂ€re dieses starke AufblĂŒhen nicht zu verstehen. Im
ersten Petrusbrief, Kap. 5, steht der Aufruf: »An die Ältesten der Kirche: Weidet die Herde Gottes, die euch anvertraut ist, nicht aus Zwang, sondern gern, wie Gott es will. Tretet nicht als Herren auf, sondern seid Vorbilder fĂŒr die Herde von Herzen.« Das Wort können wir auch sicher auf diese Klosterfrauen in
ihrer verantwortlichen Stellung dankbar anwenden.
Woher kamen die Schwestern? Da waren junge Menschen aus dem Rheinland, MĂ€dchen aus den Familien des rheinischen Industriegebietes, aus Westfalen und Oldenburg, und nach der GrĂŒndung der Berliner Filialen kamen auch viele aus der Reichshauptstadt, von Schlesien und vom Ermland;
Menschenkinder der verschiedensten sozialen Herkunft, mit verschiedenster Vorbildung, die aber alle davon ĂŒberzeugt waren, daß Gott sie gerufen. 700 und mehr Schwestern in KrankenhĂ€usern und Altenheimen, in ErziehungshĂ€usern, viele Jahrzehnte lang. Wenn wir das ĂŒberlegen, dann wissen wir
auch, wieviel Idealismus und christlicher Opfersinn sich da ausgewirkt haben:
Da denken wir an die »unbekannte« Krankenschwester, die morgens um fĂŒnf Uhr aufsteht, zur Kapelle geht, den Segen Gottes fĂŒr ihr Tagewerk zu erbitten und die dann acht und zehn Stunden auf ihrer Station aushĂ€lt, bis sie abends todmĂŒde sich zur Ruhe legen kann.
Wie oft wird sie, wenn sie Stations- oder Operationsschwester ist, auch noch des Nachts geweckt. Da steht vor uns die Schwester in der Altenpflege, deren Dienst zwar nicht soviel Aufregung wie die Krankenpflege bringt, deren Arbeit aber den natĂŒrlichen Empfindungen widerstrebender sein kann. Arme, hilflose Menschen, pflegebedĂŒrftig, auch im intimsten Bereich des Menschen, vielleicht melancholisch, schwermĂŒtig. Ihnen jeden Tag dienen und das jahrzehntelang, das erfordert Menschen, die sich selber ganz vergessen und das Letzte an
fraulicher, mĂŒtterlicher Kraft verschenken können.

Schwestern in der Erziehung, im Kindergarten, in der Schule, im FĂŒrsorgedienst! — Jeder, der von PĂ€dagogik etwas versteht, weiß, wie auch hier der Mensch sich immer wieder selber vergessen und ganz fĂŒr andere dasein muß, wenn auch sehr oft Undank und Ablehnung die Antwort sind.
Aber wir werden unter den 700 auch all jene schauen mĂŒssen, deren Arbeit kaum beachtet wird, die aber ebenso wichtig ist. Denken wir an die Schwestern im Waschhaus, KĂŒche, Ökonomie oder Ă€hnlichen Betrieben, die unauffĂ€llig und so selbstverstĂ€ndlich wie die Luft, die man atmet, auf ihren Posten stehen.
Wie hÀufte sich erst ihre Arbeitslast, wenn ein Haus neu eingerichtet wurde, mit Anfangsschwierigkeiten zu kÀmpfen hatte, oder Krieg und andere Notzeiten das Letzte verlangten!

Ferien – eine SelbstverstĂ€ndlichkeit fĂŒr den Menschen von heute. Wie wenig Ferien haben unsere Schwestern frĂŒher gekannt. Pensionierung – wie rechnet der moderne Mensch damit! Wie zĂ€hlt er die Jahre bis zu dem Tag, da er in den Ruhestand treten kann.
Wieviel Schwestern sind es, die heute mit 70 und noch mehr Jahren noch in voller Verantwortung dastehen, und ihre Aufgaben auch noch immer gewachsen sind! Und dann vor allem 700 Schwestern tÀglich im Gebet vor dem Herrgott, seien es zwei oder mehr Stunden, was bedeutet das vor Gott!
Welcher Segen erwĂ€chst daraus fĂŒr Kirche und Volk, denen doch das Beten all dieser Menschen gilt.
»Eine grĂ¶ĂŸere Liebe hat niemand als die, daß es sein Leben hingibt fĂŒr seine Freunde.«
Das Heilandswort bewahrheitet sich in jedem Schwesternleben, das ehrlich gelebt wird. Es hat sich aber in ganz besonderer Weise auch bewahrheitet bei den 57 Schwestern, die in der Pflege der Kranken und Alten Opfer des Bombenkrieges geworden sind. Auch ihr Tod war noch ein Beten: »Hier bin ich, Herr, Du hast mich gerufen —.«
Aber es wĂ€re undankbar, wenn bei all dem, was in 100 Jahren geleistet worden ist, nicht auch der MĂ€nner und Frauen gedacht wĂŒrde, die in den HĂ€usern der Kongregation Jahre, bisweilen Jahrzehnte, treu mitgearbeitet haben. Es wĂ€re undankbar, wenn nicht aller Ärzte und Mitarbeiter gedacht und ihnen an dieser Stelle gedankt wĂŒrde. Besonderer Dank gilt den MĂ€nnern und Frauen in staatlichen und kirchlichen Stellen, die sich fĂŒr die Gemeinschaft der Dominikanerinnen vom Arenberg eingesetzt haben.
Was Pfarrer Kraus oder auch PrĂ€lat Kinn in den ersten Jahren der Kongregation getan haben, ist in die Geschichte eingegangen. Auch die Herren Patres des Dominikanerordens mĂŒssen dankbar und in Ehren genannt werden. Vor allem aber wird man der Oberhirten von Trier, der Bischöfe Felix Korum, Rudolf Bornewasser und Matthias Wehr gedenken mĂŒssen, die Jederzeit den Dominikanerinnen ihr besonderes Wohlwollen schenkten. Auch die bischöflichen Delegaten fĂŒr die Genossenschaft, Generalvikar Tilmann,
Domkapitular MĂŒller, Schulrat Spurtzem, Generalvikar von Meurers und Weihbischof Stein betreuten das Mutterhaus und seine Schwestern stets mit viel Liebe und Sorge. Zumal letzterem, dem jetzt als Bischof von Trier die oberste Verantwortung fĂŒr die Gemeinschaft anvertraut ist, sei an dieser Stelle ein ebenso ehrfĂŒrchtiges wie herzliches »Gott vergeltÂŽs« gesagt.
Aber die Dankbarkeit verlangt es auch, daß wir einiger Herren gedenken, die in wirtschaftlichen Fragen Berater und Mitarbeiter der Gemeinschaft gewesen sind. Herr Bundesrichter Dr. Birnbach, der Neffe der Generalpriorin Mutter Paula Birnbach, war jahrelang der »Getreue Eckart« der Schwestern. In den schweren Jahren des Dritten Reiches war besonders der ehemalige RegierungsprĂ€sident von Köln, Herr Hans Elfgen, der Kongregation bester Berater und Helfer, und Herr Josef Heiliger, Direktor der Bundesbank, hat auch in kritischer Zeit treu zu den Schwestern gestanden. Doch auch Frauen haben
sich um den Arenberg und sein Mutterhaus verdient gemacht. Wir danken hier besonders der frĂŒheren Reichstagsabgeordneten Frau Dr. Christine Teusch, die lange Zeit in Berlin bei den Schwestern wohnte und spĂ€terhin auch als Kultusminister von Nordrhein–Westfalen dem Mutterhaus Arenberg verbunden
blieb.
Wir stehen am Ende dieser Schau: Hundert Jahre Arenberger Dominikanerinnen.

     »Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft«                                   »Siehe, ich bin die Magd des Herrn«                     »Das Wort ist Fleisch geworden«

Nazarethstunde im Leben Mariens —                                    im Leben auch von Mutter Cherubine Willimann und
der fast 1.600 Frauen, die ihre Töchter wurden.

»Selig, die das Wort Gottes hören und es befolgen«,

gilt ihnen allen, aber auch den MĂ€nnern und Frauen, die im Laufe des Jahrhunderts mitgeholfen haben, dass die Kongregation auf dem Arenberg eine Quelle des Segens fĂŒr Kirche und Volk geworden ist. Darum dĂŒrfen wir frohen und dankbaren Herzens beten:

»Herr, lohne allen, die uns Gutes getan und tun, mit dem ewigen Leben!«








 

BeitrĂ€ge und Bilder meines Grossvaters Matthias Lemaire unterliegen dem 

Urheberrecht und dĂŒrfen ohne meine Zustimmung nicht 

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