Kinderheim

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Aus der Geschichte des "Seraphischen Liebeswerkes”


So wurde das "Seraphische Liebeswerk”
Am Anfang steht ein Name, der Name des bayrischen Kapuzinerpaters Pater Cyprian Fröhlich (1853 - 1931).
Pater Cyprian brauchte nicht lange zu warten, denn bald brachte FrĂ€ulein Barbara Hartmann, Vorsteherin des Dritten Ordens, ein MĂ€dchen zu ihm, das in Gefahr war, seelisch und körperlich zugrunde zu gehen, und sagte zu ihm: "Der göttliche Kinderfreund hat uns den Weg zum sozialen Ziele des Dritten Ordens gezeigt. Retten wir dieses Kind!" - "Mit Freuden", antwortete Pater Cyprian, "aber woher nehmen wir das Geld? Unsere Ordenskasse verfĂŒgt nicht ĂŒber die nötigen Mittel." Die Vorsteherin des Ehrenbreitsteiner Dritten Ordens wußte Rat: "Opferfreudige Damen haben sich bereit erklĂ€rt, das Fehlende beizusteuern." "Gut, dann aber rasch!", war die prompte Antwort Pater Cyprians.


Dies geschah am 6. Januar, dem Fest der Erscheinung des Herrn 1889. Es war die eigentliche Geburtsstunde des "Seraphischen Liebeswerkes". Das MĂ€dchen wurde auf Kosten der Drittordensgemeinde in das Waisenhaus nach Dernbach gebracht. Es dauerte nur kurze Zeit, da brachte FrĂ€ulein Hartmann zwei Jungen, die man aufgegriffen hatte, und die in Gefahr waren, zu verkommen. Ohne lange zu ĂŒberlegen, griff FrĂ€ulein Hartmann zur Feder und schrieb an den HochwĂŒrden Herrn Direktor der Knabenrettungsanstalt in Marienhausen bei Assmannhausen/Rhein folgenden Brief: "Im Namen des HochwĂŒrden Herrn Pater Cyprian, Ofm. Cap., sowie im Auftrag des Dritten Ordens erlaube ich mir, Ihnen mitzuteilen, daß wir uns die Aufgabe gestellt haben, mit der Hilfe Gottes, von den Opfern, die von den Tertiaren gespendet werden, arme Kinder zu erziehen, die unter den jetzigen UmstĂ€nden gewiß verloren gingen. Da es auf jeden Fall besser ist, diese armen Kinder an einen ihnen fremd Ort zu bringen, so fragt Herr Pater Cyprian ergebenst bei Ihnen an, ob Sie, HochwĂŒrdiger Herr Direktor, diese in Ihre Arbeit aufnehmen wollten. Wir haben bereits seit Allerheiligen ein MĂ€dchen in einer klösterlichen Erziehungsanstalt. Es ist dies die Schwester von zwei Knaben, die wir fĂŒr Sie in Aussicht haben. WĂŒrden Sie die GĂŒte haben, uns Ihre gepflegte Mitteilung hierĂŒber zukommen zu lassen? Sie wĂŒrden dem Dritten Orden einen großen Liebesdienst erweisen, wenn Sie uns Ihre zusagende Einwilligung recht bald senden und dabei gĂŒtigst berechnen wollten, daß unsere Mittel sehr bescheiden sind und wir fĂŒr die Zukunft uns noch um mehr Kinder bemĂŒhen wollen." Die Idee wurde von den Leuten angenommen und von den verschiedensten Seiten flossen die Gaben.
Diesen Brief könnte man als die eigentliche GrĂŒndungsurkunde
des "SERAPHISCHEN LIEBESWERKES" bezeichnen.


In verschiedener Gestalt trat das Elend der Kinder hilfesuchend vor den neuen Kinderfreund und seine Drittordensgemeinde in Ehrenbreitstein. Es wurde nicht lange gefragt und diskutiert, man tat etwas, man half; denn die Menschen, die sich um P. Cyprian versammelt hatten, waren ĂŒberzeugt, in den notleidenden Kindern trat Christus, der Herr selbst an sie heran und bat um Hilfe und Obdach. Die Worte Jesu erreichten nicht nur das Ohr, sondern das Herz: Und es war wie ein Wunder, je mehr man half um so reichlicher flossen die Spenden und Gaben. Noch war das, was da zu werden und zu leben begann, kein Verein, keine Organisation mit Statuten und Paragraphen, es war ein lebendiges Tun. Die Seele dieses Ganzen war die Liebe zu Gott und zu seinen in Not geratenen Kindern. Hier ein Zitat eines Mannes, der das Wesen des Seraphischen Liebeswerkes so sieht: "Ja, diese göttliche Liebe, diese höchste seraphische Liebe ist des Seraphischen Liebeswerkes Kern und Stern.
Ohne sie stirbt das Werk rasch und unfehlbar." Dieses Wort "seraphisch" weist auf den Ursprung dieses Werkes hin, auf den Orden, des "seraphischen Heiligen", den heiligen Franziskus von Assisi. Es wurde immer notwendiger, je grĂ¶ĂŸer die Zahl derer wurde, die sich dem "Seraphischen Liebeswerk" anschlossen und es finanziell unterstĂŒtzten, daß dieses Werk eine bestimmte Form erhalten mußte. Weder P. Cyprian noch das Kapuzinerkloster in Ehrenbreitstein konnten die Verwaltung der Gelder ĂŒbernehmen. So wurde ein Verein geschaffen in starker Anbindung an den Kapuzinerorden (P. Provinzial ist PrĂ€sident des "Seraphischen Liebeswerkes"; P. Cyprian und der Anstaltsdirektor MĂŒller bildeten aus Mitgliedern des Dritten Ordens und MĂ€nnern und Frauen, die diesem Werk nahe standen, ein Kuratorium oder Komitee, dem die FĂŒhrung der LiebeswerkgeschĂ€fte und die antwortung dafĂŒr ĂŒbertragen wurde (heute: der Vorstand).
Das "Franziskusblatt" war die erste Vereinsvorschrift. Weil man sich aber nicht nur an die Mitglieder des Dritten Ordens wenden wollte, sondern an alle Kreise der Bevölkerung, dachte man an die Herausgabe eines eigenen Blattes.
Am 1. Januar 1890 erschien zum ersten Mal die Monatszeitschrift des Seraphischen Liebeswerkes der "Seraphische Kinderfreund". Das Werk P. Cyprians fand auch volle Anerkennung durch den Diözesanbischof von Trier, Dr. Michael Felix Korum. Es wird uns berichtet, als P. Cyprian zur Audienz zugelassen wurde und dem Bischof seine PlÀne erörterte, sprang der sozial eingestellte Bischof vor Freude auf und machte sich die Worte des heiligen Petrus zu eigen, die dieser an der "Schönen Pforte" des Tempels sprach:
"Gold und Silber habe ich nicht, aber was ich habe, das gebe ich aus der Tiefe meines Herzens - meine bischöfliche Approbation und meinen bischöflichen Segen. Es zeigte sich bald, daß es keine leeren Worte waren, die Bischof Michael Felix Korum zu P. Cyprian sprach.

General des Kapuzinerordens und PĂ€pste segnen das Werk von P. Cyprian


Große Förderung erhielt das "Seraphische Liebeswerk" auch von P. Bernard von Andermatt, dem Generalminister des Kapuzinerordens. Er war ein zeitaufgeschlossener Mann mit einem Herzen, das fĂŒr die Not der Kinder offen war. Zeitlebens blieb er ein großer Gönner und Förderer des Werkes von P.
Cyprian. Am 7. MĂ€rz 1891 schrieb er an P. Cyprian: "Ihre werte Zuschrift vom 6. Januar letzten Jahres ĂŒber den Zweck und die Einrichtung des Seraphischen Liebeswerkes haben Wir mit großem Interesse gelesen und geben Ihnen die Versicherung, daß uns die Zwecke dieses “echt seraphischen Liebeswerkes” nicht bloß einleuchtet, sondern uns innig gefreut haben, weil durch dieselben das zeitliche Wohl und das ewige Heil so vieler armer Kinder auf die edelste Weise gefördert und Gottes Ehre
vermehrt wird. Da die Kinder Gottes Lieblinge sind, und alle diejenigen, die sich um Gottes willen eines armen Kindes annehmen, sich der besonderen Liebe und Freundschaft Gottes teilhaft machen, so muß man gewiß allen jenen GlĂŒck wĂŒnschen, die am schönen und großherzigen Liebeswerke sich beteiligen...
Sie dĂŒrfen versichert sein, daß Wir aus ganzem Herzen Ihnen und allen Teilnehmern, besonders denen des Dritten Ordens, Unseren vĂ€terlichen Segen spenden und Sie auch nach KrĂ€ften unterstĂŒtzen, daß das angefangene Werk auf solide Grundlage gestellt und zum Besten der armen Kinder und der
Menschheit fortgefĂŒhrt wird..., indem Wir immerdar verbleiben Ihr in Christo ergebenster fr. Bernard."
Es glich fast einem Wunder, wie schnell sich das Seraphische Liebeswerk im Volk verbreitete und UnterstĂŒtzung fand. P. Fulgentius, der Generalprokurator des Kapuzinerordens ĂŒberreichte Papst Leo XIII. die zwei ersten JahrgĂ€nge des "Seraphischer Kinderfreund", dazu auch einen Bericht ĂŒber das Werk, seine Aufgaben und Ziele.
Am 15. Mai 1902 erscheint ein weiterer Brief aus dem Vatikan, der die Unterschrift Leos XIII. trĂ€gt und den Mitgliedern des Seraphischen Liebeswerkes einen vollkommenen Ablaß erteilt, "wenn sie Weihnachten, Neujahr, Dreikönig, Christi Himmelfahrt, Fronleichnam und am Fest des heiligen Franziskus von Assisi wahrhaft bußfertig beichten, die heilige Kommunion empfangen und eine Kirche oder öffentliche Kapelle von der ersten Vesper bis zum Sonnenuntergang dieser Tage selbst jedes Jahr andĂ€chtig besuchen und daselbst Gebete vor Gott darbringen".
Am 3. November 1905 gewĂ€hrt Papst Pius X. P. Cyprian wie dem damaligen GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Seraphischen Liebeswerkes, Herrn Stinglhammer, eine Privataudienz. Er nannte das Werk von P. Cyprian: "Vere opus miraculosum caritatis" - ein wahrhaft wundervolles Werk der christlichen Liebe. Auch Papst Benedikt XV. sandte ein Jahr vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges “dem GrĂŒnder, den VorstĂ€nden, Beförderern, Mitarbeitern und Mitgliedern des Seraphischen Liebeswerkes seinen vĂ€terlichen Segen”.
Das Volk, die Kirche, aber auch die staatlichen Behörden unterstĂŒtzen immer stĂ€rker das Seraphische Liebeswerk. Ohne den staatlichen Schutz und das Wohlwollen mancher Ministerien und Regierungen in den verschiedenen Distrikten und LĂ€ndern hĂ€tte das Seraphische Liebeswerk nicht solche Bedeutung erlangt.
Besonders in Bayern, nachdem P. Cyprian in seine Heimatprovinz zurĂŒckgekehrt war, und auch dort das Seraphische Liebeswerk gegrĂŒndet hatte, fand sein Werk große UnterstĂŒtzung vom bayrischen Königshaus. Fast alle Mitglieder dieses Hauses waren Mitglieder und Förderer des Seraphischen Liebeswerkes. Ein Name bleibt mit der GrĂŒndung des Seraphischen Liebeswerkes in Bayern fĂŒr immer verbunden. Es ist der Name der "Hochedlen Frau Prinzessin Ludwig Ferdinand, Infantin von Spanien, Maria de la Paz". Sie hat das Protektorat ĂŒber das Seraphische Liebeswerk ĂŒbernommen. Wichtiger als alle diese Anerkennungen der GrĂ¶ĂŸen der Kirche wie des Staates war fĂŒr P. Cyprian der Geist, der sein Werk und seine Heime erfĂŒllen sollten: “Das Leben in unseren Heimen muß soviel als möglich einer guten christlichen Familie nachgebildet sein. Deshalb muß die Erziehung in den Niederlassungen des Seraphischen Liebeswerkes familiĂ€r, individuell, auf das einzelne Kind eingehend, mĂŒtterlich sein. P. Cyprian betonte deshalb so stark das mĂŒtterliche Prinzip in der Erziehung, weil er in seiner Kindheit dies sehr entbehrt hat. Schon frĂŒh hatte er seine Mutter verloren. Sein Vater erzog die Kinder sehr streng und hart. Zu einer echten, innigen Vater – Kind – Beziehung war es nie gekommen.
Sein Vater verlangte ihm das Versprechen ab: "Alles darfst du werden, nur kein Lehrer und Pfarrer." So studierte P. Cyprian zuerst Mathematik, Technik und Maschinenbau. Erst nach dem Tod seines Vaters wechselte er sein Studium, studierte Theologie, wurde Priester und trat danach in Altötting bei den Kapuzinern ein. SpĂ€ter wird P. Cyprian einmal sagen: "Ich danke Gott alle Tage fĂŒr meine liebeleere und freudlose Kindheit, weil sie Gott benĂŒtzt hat, um vielen Tausenden von Kindern Freude und Hilfe zu schaffen."
Daß dies P. Cyprian gelungen ist, kĂŒndet das Seraphische Liebeswerk, das in vielen LĂ€ndern verbreitetet ist. Seinen Namen aber wird es nur dann zu Recht tragen, wenn es sich mit all seinen Mitarbeitern auch dem Auftrag seines GrĂŒnders verpflichtet weiß.
P. Cyprian kehrt in seine Heimatprovinz zurĂŒck
Im FrĂŒhjahr 1893 wird P. Cyprian Fröhlich nach Altöttingen in seine Heimatprovinz zurĂŒckgerufen. Er ist noch keine zwei Monate dort, da kommt eine Frau zu ihm mit der Bitte, er möge ihr doch helfen, ihr Kind in eine Anstalt unterzubringen. P. Cyprian bespricht mit Pfarrer Waiblinger, dem Pfarrherrn von Altöttingen, das Anliegen der Frau vor, ein Armkinderheim zu grĂŒnden. Bald darauf kann der Vorschlag in die Tat umgesetzt werden. Das Seraphische Liebeswerk in Ehrenbreitstem hilft P. Cyprian finanziell das Haus, das jetzt dem Bierbrauer Riedl gehört, zu erwerben. Es steht in der Neuöttinger Straße 53. Dem ersten Haus, das Eigentum des seraphischen Liebeswerkes geworden ist, wird der Name "St.-Franziskus-Haus" gegeben. Nun war das "Seraphische Liebeswerk" auch in der Heimatprovinz P. Cyprians gegrĂŒndet mit dem Sitz in Altötting.
Im Juni 1893 trennte der damalige Ordensgeneral der Kapuziner, P. Bernhard von Andermatt das “Seraphische Liebeswerk” in eine norddeutsche und sĂŒdeutsche Abteilung. Die norddeutsche Abteilung sollte ihren Sitz in Ehrenbreitstein, die sĂŒddeutsche Abteilung in Altöttingen haben.


An der Spitze der norddeutschen Abteilung stander der Guardian des Ehrenbreitsteiner Kapuzinerklosters, P. Ludwig, Herr Direktor MĂŒller, der BuchhĂ€ndler, Herr Schuth und Pfarrer Sengler. Um diese Zeit zĂ€hlte das "Seraphische Liebeswerk" der norddeutschen Abteilung schon 100. 000 Mitglieder; der "Seraphische Kinderfreund", das Organ des Liebeswerkes hatte
eine Auflage von 70.000.


Die norddeutsche Abteilung
Das “Seraphische Liebeswerk” blieb nicht auf die Stadt
Ehrenbreitstein allein beschrĂ€nkt, vielmehr grĂŒndete man von hier aus sogenannte Lokalabteilungen in grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten, wie Köln, Aachen, Krefeld, Kleve, DĂŒsseldorf und Mainz.
Die Zentrale blieb in Ehrenbreitstein. P. Ludwig, der Guardian des Klosters Ehrenbreitstein wurde nun bald als Direktor abgelöst von P. Cyrillus Reinheimer, der als leitender Direktor der norddeutschen Abteilung eingesetzt wurde.
 

Das erste Haus der norddeutschen Abteilung und die
Weiterentwicklung des SLW

Zwanzig Jahre lang mußten die Kinder, die von der norddeutschen Abteilung betreut wurden, in anderen Heimen untergebracht werden. Dadurch war aber ein richtiger Kontakt zwischen den Kindern und dem Liebeswerk sehr erschwert, und dies konnte auch nicht die Lösung auf Dauer sein. Der Wunsch, ein eigenes Heim fĂŒr die dem "Seraphischen Liebeswerk" anvertrauten Kinder zu besitzen, wurde immer lauter und drĂ€ngender. Im Jahre 1908 war es dann endlich soweit. In Arenberg wurde ein dazu geeignetes GrundstĂŒck erworden, in einer landschaftlich schönen und ruhigen Lage.
Das erste Haus der norddeutschen Abteilung erhielt den Namen "St.-Antonius-Haus", den Namen des Heiligen von Padua, der bis auf den heutigen Tag ein Ohr und Herz fĂŒr jewgliche Not der Menschen und besonders fĂŒr die armen Kinder hat.
Der Andrang der zu betreuenden Kinder wurde so groß, daß das Haus immer wieder erweitert werden mußte, bis schließlich 150 Kinder darin Platz finden konnten. FĂŒr die Betreuung und Erziehung der Kinder konnten die fachlich ausgebildeten Schulschwestern des heiligen Franziskus von Erlenbad/Baden gewonnen werden. Sechs Erlenbader Franziskanerinnen sind
noch bis auf den Tag in unserem Kinderheim auf dem Arenberg tĂ€tig. Wir wĂŒnschten, es wĂ€ren noch mehrere von ihnen.

 

Von Anfang an ging es der Leitung des "Seraphischen Liebeswerkes" darum, die Kinder und Jugendlichen auf ihr kĂŒnftiges Leben in der menschlichen Gesellschaft vorzubereiten. So wurde fĂŒr die schulentlassenen MĂ€dchen eine Haushaltsabteilung eingerichtet. Dazu war es auch notwendig eine WaschkĂŒche und einen BĂŒgelraum einzurichten. In einem kleinen NebengebĂ€ude, in der NĂ€he des HauptgebĂ€udes, wurde dafĂŒr die Möglichkeit geschaffen. In den KellerrĂ€umen des HauptgebĂ€udes wurde eine BĂ€ckerei eingerichtet, in der das Brot fĂŒr das Heim gebacken wurde.
Ein weiterer Schritt war die Schaffung eines landwirtschaftlichen Betriebes. Durch ihn sollte die ErnÀhrung der Heimbewohner gesichert werden. Wie notwendig das war, zeigte sich besonders in den Kriegs- und Nachkriegszeiten. Jungen, die als Landwirte ausgebildet werden sollten, konnten dies unter der Leitung eines landwirtschaftlich ausgebildeten Verwalters tun.
Immer aber blieb man auch darauf bedacht, daß der Geist, aus dem dieses Werk gegrĂŒndet worden war – aus franziskanischem Geist –, erhalten blieb.

Die erste Hausordnung
Wir mĂŒssen die erste Hausordnung aus der damaligen Zeit heraus zu verstehen suchen und aus der Intention, die sich die Einrichtung gegeben hatte. Das Zusammenleben in den Familien war zur damaligen Zeit auch anders geordnet als es heute ist.
Nun einiges aus der Hausordnung:
I. Die Pfleglinge des Seraphischen Liebeswerkes sind in besonderer Weise Kinder der göttlichen Vorsehung. Das Vertrauen auf Gottes unendliche Barmherzigkeit muß der helle Leitstern ihres Lebens und die erste Haustugend in den Anstalten des Seraphischen Liebeswerkes sein.
 "Deus providebit: Gott wird weiter sorgen!"
II. Als Kinder der Vorsehung haben die Pfleglinge des Seraphischen Liebeswerkes das Grundgesetz berechtigten Gottvertrauens und zugleich aller Ordnung und alles GlĂŒckes, das Gesetz der Pflichttreue und der Arbeit, von frĂŒh gewissenhaft zu befolgen und ihre Zeit auf das Beste
auszunĂŒtzen. "Wem Gott die Gnade zu arbeiten gegeben hat", sagt der seraphische hl. Franziskus, "der soll treu und andĂ€chtig arbeiten."
III. Das pflichttreue und arbeitsame Kind der Vorsehung unterwirft sich gern und dankbar den Vorschriften der Hausordnung, von deren treuer Befolgung sein und der ĂŒbrigen Kinder GlĂŒck und Zufriedenheit abhĂ€ngen. "Halte die Ordnung ein, so wird die Ordnung dich aufrecht erhalten", sagt
der hl. Bernhard.


A) Gebet und Gottesdienst
- Das kurze Morgen- und Abendgebet verrichten die Kinder auf dem Schlafsaal, die Schulkinder gemeinschaftlich laut, die Schulentlassenen still fĂŒr sich.
- Der hl. Messe in der Hauskapelle wohnen die Kinder am Sonntag, Dienstag (Antoniusandacht) und dem Herz-Jesu-Freitag bzw. einem anderen zweiten Wochentag bei. Jeden Tag - entweder nach dem Mittagessen oder der NachmittagsstĂ€rkung - machen die Kinder eine gemeinsame Besuchung des Allerheiligsten, die fĂŒnf Minuten nicht ĂŒbersteigt. Den Schulentlassenen ist abends vor dem Schlafengehen eine Viertelstunde zum stillen Gebet in der Kapelle freigegeben, irgendein Zwang zur BenĂŒtzung dieser Viertelstunde besteht nicht.

- "Der Engel des Herrn" wird in Verbindung mit dem Morgengebet sowie dem Tischgebet mittags
und abends gebetet.


B) Arbeit und Erhohlung
- Der Arbeitsplan wird von der Sr. Oberin aufgestellt und von den einzelnen Schwestern in ihren Abteilungen durchgefĂŒhrt. Jedes Kind hat sich dieser Ordnung pĂŒnktlich zu fĂŒgen und darf ohne Zustimmung der Abteilungsschwester seine Arbeit nicht verlassen. Der Arbeitsplan wird so aufgestellt, daß nicht nur die Schulentlassenen, sondern auch die Schulkinder eine möglichst allseitige Arbeitsausbildung in der Haus-, Hand- und Gartenarbeit erhalten.
Zur Belohnung fĂŒr besonders gute Arbeit erhalten die Kinder von der Sr. Oberin Sparmarken.
Gesammelte Sparmarken einzelner Kinder werden, wenn sie 3,- Mark erreicht haben, zur Einzahlung auf das Sparbuch in der Verwaltung ĂŒbergeben.
- Die Sr. Oberin versammelt regelmĂ€ĂŸig einmal in der Woche die Schulkinder und die Schulentlassenen - jede Abteilung fĂŒr sich - einem erzieherischen Unterricht. Außerdem erhalten die Schulentlassenen wöchentlich Fortbildungsunterricht.
Im letzten Jahr vor der Entlassung aus dem Kinderheim tritt fĂŒr die Schulentlassenen Unterricht in der Kleinkinder- und Krankenpflege hinzu.
- In der zur Erholung bestimmten Zeit der Tagesordnung mĂŒssen die Schulkinder und die Schulentlassenen geschlos- sen fĂŒr sich beisammen bleiben. Ohne Erlaubnis der aufsichtfĂŒhrenden Schwester darf sich kein Kind entfernen.


C) AusgÀnge und Besuche:
- Kein Kind darf ohne Erlaubnis oder Auftrag der Sr. Oberin das Haus verlassen.
- Besuche der Kinder zu Hause können außer bei lebensgefĂ€hrlicher Erkrankung von Vater und Mutter nur ausnahmsweise gestattet werden und bedĂŒrfen in jedem Fall der Erlaubnis des P. Direktors.
Wie zu Beginn schon gesagt, mĂŒssen wir die Hausordnung aus der Zeit heraus verstehen, in der sie entstanden ist.


*1914 entstand auch in der Stadt Mainz eine eigene Lokal-Abteilung. Sie war die jĂŒngste GrĂŒndung. Der sie ins Leben gerufen hat, war Maximilian, der Guardian des Mainzer Kapuzinerklosters. Zu dieser Abteilung gehörte die Stadt selbst wie das Landdekanat Mainz. Schon im GrĂŒndungsjahr waren der Abteilung 20 Kinder zur Betreuung anvertraut worden.
Diese Umstrukturierung: Zentrale Ehrenbreitstein – und Filialen (Lokal-Abteilungen) brachten naturgemĂ€ĂŸ an die innere Organisation große Aufgaben mit sich. P. Provinzial, Matthias, beauftragte eine Kommission unter Leitung von P. Ludwig ein neues Statut fĂŒr das Seraphische Liebeswerk zu erarbeiten.
1903 berief P. Gregor, der Provinzial der Rheinisch-WestfÀlischen Kapuzinerprovinz, das Direktorium des
Seraphischen Liebeswerkes (dazu gehörten: P. Direktor des SLW in Ehrenbreitstein und sein Vorstand und die Vorsitzenden der einzelnen Lokal-Abteilungen) vom 27. - 30. Januar nach StraßburgïżŸKönigshofen, dem damaligen Sitz des Provinzials.
Es wurde eine neue Satzung und die GeschĂ€ftsordnung des SLW erarbeitet. FĂŒr viele war es damals befremdend, daß die Franziskanische Caritas, das Seraphische Liebeswerk, von dem man annahm, es sei doch mehr eine “Sache des Herzens", sich mit soviel Paragraphen umgeben. Wie aber hĂ€tte solch ein Werk fruchtbringend arbeiten können, ohne eine Struktur-Ordnung. Trotzdem blieb und sollte das Bestimmende der Geist, der Leben schafft, bleiben, der Geist, der ausgeht von der Liebe Gottes zu uns Menschen.

 

GrĂŒndung des “Seraphischen Kinderfreund”
Sollte der neue Verein in der Öffentlichkeit bekannt werden, dann mußte eine gute und weitverbreitete Presse her. Das waren die weiteren Überlegungen nach der GrĂŒndung des Seraphischen Liebeswerkes von P. Cyprian Fröhlich. Aber wie sollte er das anfangen? Denn das “Franziskusblatt" genĂŒgte P. Cyprian nicht mehr, da es nur an die Mitglieder des Dritten Ordens des heiligen Franziskus verschickt wurde und auch von seinem Inhalt her hauptsĂ€chlich fĂŒr diese bestimmt war. Schon im GrĂŒndungsjahr 1889

 

schlossen sich jedoch immer mehr Frauen und MĂ€nner dem Seraphischen Liebeswerk als Mitglieder an, die nicht Mitglieder des Dritten Ordens waren. Auch sie sollten ĂŒber die Arbeit und das Werden des Seraphischen Liebeswerkes unterrichtet werden. Dazu kam die weitere Überlegung, daß diese Zeitschrift sich an Kinder wenden sollte, um die Herzen der Kinder fĂŒr die in Not geratenen Kinder empfĂ€nglicher zu machen.
Pater Cyprian fand einen Weg. Seit vielen Jahren war er stĂ€ndiger Mitarbeiter des Blattes “Erbauungsstunden”, die in Heiligenstadt bei Franz W. Cordier wöchentlich erschienen. Er wandte sich an den Verleger und handelte mit ihm folgendes aus: Die “Erbauungsstunden” sollten ab 1890 in doppelter
Ausgabe erscheinen:
1. in der ĂŒblichen Wochenausgabe fĂŒr alle bisherigen Abonnenten;

2. in einer eigenen und vom Inhalt her ganz verschiedenen Monats- ausgabe fĂŒr die 2.000 Mitglieder des Seraphischen Liebeswerkes. Dazu gab es noch eine monatlich erscheinende Beilage: “Das Marienkind".
Im Jahr 1891 erschien der zweite Jahrgang der Vereinsschrift schon mit dem Titel “Seraphischer Kinderfreund und Marienkind” im selben Verlag von F. W. Cordier, Heiligenstadt/Eichsfeld.
Im MĂ€rz 1897 verlegte man den Druck in die Druckerei Johann Schuth nach Koblenz. 1907 erfolgte eine weitere Verlegung in die Limburger Vereins-Druckerei nach Limburg an der Lahn. Ab 1950 bis heute wird der “Seraphische Kinderfreund" in der Görres-Druckerei in Koblenz gedruckt.
Es ist interessant, sich in einer statistischen Übersicht die stets steigende Auflage des “Seraphischer Kinderfreund" einmal anzuschauen:


1890

Januar

   2.000

Zeitschriften

 

Junli

   6.000

Zeitschriften

 

August

   7.000

Zeitschriften

 

September

   8.000

Zeitschriften

 

Dezember

 10.000

Zeitschriften

1900

 

 80.000

Zeitschriften

1901

 

 83.000

Zeitschriften

1908

 

118.000

Zeitschriften

1910

 

138.000

Zeitschriften

1914

 

146.000

Zeitschriften

                         (Beginn des Ersten Weltkrieges)
Es grenzt schon an das Wunderbare, daß trotzdem die Zahl der Bezieher des Seraphischen Kinderfreundes gleichgeblieben ist, wenn man beachtet, daß im Jahre 1894 die sind.

Ähnliches wie in der “Norddeutschen Abteilung" zeichnet sich auch in den anderen Landesabteilungen ab. 1914 sah die Auflage des “Seraphischer Kinderfreund” in den damals existierenden LandesverbĂ€nden so aus:
1. Norddeutsche Ausgabe (Zentralstelle Ehrenbreitstein seit 1890) 146.000
2. Bayrische Ausgabe (Zentralstelle Altöttingenseit 1894)  156.000
3. Schweizerische Ausgabe (Zentralstelle Luzern seit 1898) 15.000
4. Nordamerikanische Ausgabe (Zentralstelle Pittsburgh seit 1899) 10.000
5. Österreichische Ausgabe (Zentralstelle Linz seit 1904)  30.000
6. Böhmische Ausgabe (Zentralstelle Budweis seit 1906) 10.000
7. Ungarische Ausgabe (Zentralstelle Gran seit 1909) 6.000
8. Tirol deutsche Ausgabe (Zentralstelle Dorf Tirol) 30.000
9. Tirol ital. Ausgabe (Zentralstelle Trient seit 1911) 3.000

Der Seraphische Kinderfreund hatte also im Jahre 1914 eine Gesamtauflage von 400.000 Exemplaren.
Er erschien in fĂŒnf Sprachen: deutsch, englisch, italienisch, ungarisch uns tschechisch. Im damaligen
Deutschen Reich waren es allein 300.000 Zeitschriften. Heute hat die “Norddeutsche Abteilung” eine
Auflage des “Seraphischer Kinderfreund” von nur noch ca. 13.000 Exemplaren (Tendenz: fallend, hauptsĂ€chlich durch die vielen TodesfĂ€lle der Ă€lteren Mitglieder).
Der Geistliche Rat, Herr M. MĂŒller, schreibt 1914: “Wieviel Segen wird durch diese BlĂ€tter gestiftet!
Wieviel Trost, Belehrung, Licht, Lebensmut, Kraft geht von denselben aus in die HĂ€user und Familien.
Dieser Vorteil kann nicht genug betont werden."
Ein Pfarrer in einer großen Stadt (Stadt wird nicht genannt): “Ich benĂŒtze den ”Seraphischer
Kinderfreund” als Bindemittel zwischen Kirche und GlĂ€ubigen und ich habe die Erfahrung gemacht, daß manche, die dem kirchlichen Leben entfremdet waren, durch die LektĂŒre desselbenden Weg zur Kirche wieder gefunden haben. Ein Provinzoberer der “Barmherzigen BrĂŒder" an P. Cyprian: “Über 100 JĂŒnglinge seien durch den.
Seraphischer Kinderfreund” zum Eintritt in die Genossenschaft bewogen worden.
Es wĂ€re fĂŒr uns schon eine große Freude, wenn der “Seraphische Kinderfreund” auch heute noch manches von dem bewirken könnte, was der Geistliche Rat, Herr M. MĂŒller 1914 ĂŒber die Wirkung des “Seraphischer Kinderfreund” geschrieben hatte." Das Seraphische Liebeswerk war in fast allen katholischen Landstrichen Deutschlands bekannt geworden und seine Einrichtungen fanden immer mehr Zuspruch bei kirchlichen wie weltlichen Behörden, bei Arm und Reich. FĂŒr das allgemeine Bekanntwerden und die melle Ausbreitung des Seraphischen Liebeswerkes sorgten vor allem unsere Kapuzinerpatres bei ihren Volkmissionen. Unter den Predigten, die sie hielten, war auch immer eine ĂŒber das Seraphische Liebeswerk dabei. So kam es auch, daß sich die Anfragen zwecks Unterbringung gefĂ€hrdeter Kinder und Jugendlicher bei der Leitung des Seraphischen Liebeswerkes immer mehr hĂ€uften.
Eine nicht geringe Sorge bereitete dem damaligen Direktor des Seraphischen Liebeswerkes und Heimleiter, P. Ladislaus Lohoff die Unterbringung der schulentlassenen Jugendlichen, die eine Lehre beginnen sollten. Einen Teil von ihnen konnte er bei den Lehrmeistern selbst unterbringen, aber es blieben noch eine Menge ĂŒbrig, die in den Meisterfamilien keine Unterkunft fanden.

*1880 konnte P. Ladislaus dann schließlich in Ehrenbreitstein ein Haus direkt neben dem Kapuzinerkloster erwerben, das vorher als Wohnhaus den Offizieren der Reichwehr diente. In diesem GebĂ€ude richtete er das Lehrlingsheim “St. Konrad” ein. – Über 30 Lehrjungs fanden darin ein Zuhause. Den Haushalt fĂŒhrten Schwestern aus dem Dritten Orden des heiligen Franziskus aus Koblenz.
Die Zahl der zu betreuenden Kinder stieg jedoch höher und höher und erreichte im Jahre 1932 eine Anzahl von 1.000. Es blieb also nichts anderes ĂŒbrig, wollte man das Werk nicht stagnieren lassen, als nach einem weiteren Erwerb von GrundstĂŒcken und GebĂ€uden Ausschau zu halten. Sehr bald bot sich in Bensheim an der Bergstraße eine einmalige Gelegenheit an, ein einzigartiges Anwesen zu kaufen. Es war dies eine leerstehende Villa mit einem dazugehörigen 40 Morgen großen Park. Hier sollte ein Kindererholungsheim entstehen. Allein, jedoch, hĂ€tte das Seraphische Liebeswerk den Kauf nicht tĂ€tigen können, da die finanzielle Situation nicht ganz so rosig war. Es fanden sich schnell einige gute Menschen und WohltĂ€ter, die bereit waren, dem Seraphischen Liebeswerk beim Kauf dieses wunderbaren Areals zu helfen.
Das “Katharinenstift”, so wurde die neue Einrichtung benannt, fand Platz fĂŒr 40 Kinder. Wegen der guten, schönen und gesunden Lage wurde dieses Kinderheim besonders mit Kindern belegt, die schwĂ€chlich und in einem nicht guten Gesundheitszustand waren. Die FĂŒhrung des Haushalts wie die Pflege der Kinder war ebenfalls den Drittordensschwestern aus Koblenz anvertraut.
Ziel der Heime in Arenberg wie in Bensheim war: die Kinder, die keine leiblichen Eltern mehr hatten und guten und christlichen Familien zu bringen. Die Auswahl der Familien, die fĂŒr die Aufnahme eines Kindes in Frage kamen, erfolgte sehr grĂŒndlich. Ein großer Teil der Kinder, die zunĂ€chst als Pflegekinder aufgenommen wurden, sind spĂ€ter von ihren Pflegefamilien adoptiert worden.
Unter den Adoptiveltern befinden sich RegierungsrÀte alle Stufen und Klassen von Beamten, Lehrer, Kaufleute, Prokuristen, Landwirte, Handwerker und viele andere Berufe.
Noch konnte sich das Seraphische Liebeswerk ungehindert ausbreiten und seine Aufgabe an armen,elternlosen und gefĂ€hrdeten Kindern erfĂŒllen, getragen vom Geist des Heiligen aus Assisi in der Nachfolge Jesu Christi. Doch aus nicht allzu großer Ferne stiegen schon die dunklen Wolken des Nationalsozialismus am Horizont auf, die auch dem Seraphischen Liebeswerk ankĂŒndigten und zur Bedrohung wurden.
Die Worte des Psalms 23, die immer wieder auch in den Kapellen unserer Kinderheime von Kindern, Schwestern und Erzieherinnen gebetet wurden, bekamen plötzlich einen neuen Inhalt in dieser konkreten Situation. “Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. ... er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fĂŒrchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht. Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. ... und im Haus des Herrn darf ich wohnen fĂŒr lange Zeit.
Das Jahr 1933 war angebrochen. Nur wenige ahnten, daß das Jahr der “Machtergreifung Hitlers" einmal unser Volk in eine tiefe Ohnmacht und Niederlage stĂŒrzen werde. Es war der Anfang eines schlimmen Endes. Sehr bald spĂŒrten besonders die katholischen Einrichtungen: Kinder- und Jugendheime, KrankenhĂ€user und Altenheime, KindergĂ€rten und die verschiedensten kirchlichen Vereine eine feindliche Einstellung ihnen gegenĂŒber. Man suchte nach fadenscheinigen GrĂŒnden, um vielen solcher Einrichtungen den Prozeß zu machen und sie aufzulösen. Auch in der Zentrale des Seraphischen Liebeswerkes in Koblenz-Ehrenbreitstein wie im Kinderheim auf dem Arenberg wuchs von Jahr zu Jahr die Sorge. Kontrollen wurden angesagt und durchgefĂŒhrt. Man hatte sich auf das Schlimmste vorbereitet.

Interessant ist es, das in keinem “Seraphischen Kinderfreund” zur politischen Lage Stellung bezogen wurde. Man nahm von Adolf Hitler und vom “Dritten Reich” keine Notiz. Weder sein Geburtstag noch seine “Erfolge” wurde erwĂ€hnt.
Man tut etwas anderes. Man geht in die Offensive indem man auf die Not vieler Kinder und Jugendlicher hinweist und eine Art Selbstdarstellung des Seraphischen Liebeswerkes im “Seraphischen Kinderfreund" veröffentlicht. Wie man es tat, das sollen einige Zeitdokumente belegen.

 

Wie die Kinder kommen

 

“Meist fĂ€ngt es ganz klein an. Oft ist es nur eine Postkarte, ein kurzes Briefchen. Oft auch ein Besuch in der Liebeswerkklause. Aber stets das traurige Lied von Not und Gefahr, vin menschlicher SchwĂ€che und irdischem Elend. Und das Ende – es ist immer dasselbe: “So kann es nicht mehr weitergehen. Wenn Sie nicht helfen, weiß ich keinen Ausweg mehr!” – “Sie mĂŒssen helfen!” Das ist nun leichter gesagt als getan.
Helfen will das Seraphische Liebeswerk immer und jedem, der der Hilfe bedarf. Dabei spielt es gar keine Rolle, wer den Antrag stellt. Einzig und allein ausschlaggebend fĂŒr die Aufnahme ist das Wohl des Kindes.
Um hierbei Klarheit zu erhalten, wird dem Antragsteller ein Fragebogen ĂŒberreicht, den er genau auszufĂŒllen hat. Oh diese Fragebögen! Es gibt nichts Neugierigeres als so ein Ding. Nicht nur die Personalien der Eltern des Kindes werden verlangt. Es folgt ein Rattenschwanz von Fragen ĂŒber FamilienverhĂ€ltnisse, ĂŒber Vormund und Vormundschaft, ĂŒber geistige und körperliche Eigenschaften des Kindes.”
te ein einigermaßen klares Bild ergeben ĂŒber die VerhĂ€ltnisse, in denen das Kind, um dessen Aufnahme angefragt wurde, zur Zeit lebt. Es wurde geprĂŒft, ob das Liebeswerk in der Lage sei zu helfen, und ob die geforderte Hilfe den Zwecken des Vereins entspricht.
 

Das Liebeswerk ist da, um arme und gefÀhrdete Kinder zu retten
 

“Mag die GefĂ€hrdung nun auf religiösem oder sittlichen Gebiet liegen. Zu der seelischen Not kommt meistens körperliche Verwahrlosung. Das Liebeswerk soll und will eben da helfen, wo andere Hilfe versagt.
Daraus folgt, daß wir auch manche Gesuche ablehnen mĂŒssen, und zwar dann, wenn es sich nicht um irgend eine GefĂ€hrdung des Kindes handelt. Oft steckt nĂ€mlich hinter einem solchen Antrag nur eine Laune oder auch Bequemlichkeit der Antragsteller, die sich gern auf diesem Wege der Sorge und der Last fĂŒr die Kinder entziehen wollen. WĂŒrde man in solchen FĂ€llen die Aufnahme bewilligen, so könnte das nur zum Schaden der wirklich gefĂ€hrdeten Kinder geschehen. Das liegt aber weder in der Absicht noch im Zweck des Liebeswerkes." Neben dem erwĂ€hnten Fragebogen mußten noch eine Reihe anderer Papiere herbeigebracht werden:
Ein Ă€rztliches Attest (“Untersuchung nach Wassermann und Pirquet”), Geburtsschein, Taufschein und Impfschein. Waren diese Papiere alle herbeigeschafft und wurde der “Fall” positiv entschieden, dann hieß es – endlich: “ Das Kind kann uns gebracht werden.”
 
“In den meisten FĂ€llen können wir - Gott sei Dank - helfen und tun es mit Freuden. E glĂŒckliches LĂ€cheln in trĂ€nenumflorten Auge ein inniges “Gott lohne ihnen ihre GĂŒte!” ist (Antwort der oft schon verzweifelten Hilfesuchenden. Hunderte von rĂŒhrenden Danke brieten zeugen davon, daß wir mit unserer Hilfe wieder ein bißchen Sonne in eine dĂŒstere Kellerwohnung, wieder ein wenig GlĂŒck in der trostloses Vater- oder Mutterherz gezaubert haben. So mancher, der nicht mehr wußte, wohin er sich wenden sollte, der auf dem besten Wege war, ein Hasser zu werden, gewann durch ihm gewordene Hilfe den Glauben die christliche NĂ€chstenliebe wieder.”
 
Der Schreiber dieses Artikels (A.K.) bemerkt, daß er in weiteren Folgen den Mitgliedern Einblick in die TĂ€tigkeit des Liebeswerkes geben möchte.
Auch ich möchte in den alten “Dokumenten" noch etwas herumblĂ€ttern, um Werden, Weg und Tun des Seraphischen Liebeswerkes uns nĂ€her zu bringen, gerade auch in jener schweren Zeit.
Noch einige Zeit erscheint der Seraphische Kinderfreund und kann so den Kontakt mit den Mitgliedern, Freunden und WohltĂ€tern aufrecht erhalten. Dann kommt der Tag, den man schon lange Zeit mit Bangen erwartet hat, an dem der Seraphische Kinderfreund zum letzten Mal erscheint. Wir schreiben das Jahr 1938. Es wird still um ihn. Aber in den vielen Jahren, da er erscheinen durfte, hat er die Gemeinschaft der Liebeswerk-Freunde fest zusammengeschweißt.
So gut unsere Freunde es konnte unterstĂŒtzten sie das Liebeswerk mit Sachspenden, Nahrungsmitteln und Geldspenden weiter. So ist es auch ihrer Treue mit zu verdanken, daß das Liebeswerk die Machthaber des “TausendjĂ€hrigen Reiches", Kriegszeit und auch die schwere Nachkriegszeit ĂŒberlebt hat.
Im Januar 1950 erscheint der Seraphische Kinderfreund wieder zum ersten Mal. In Leitartikeln dieses ersten “Seraphischen Kinderfreundes” nach dem Krieg schreibt Pater Ladislaus:
“Gott, zum Gruß!
Der so lang entbehrte und heiß ersehnte “Kinderfreund” ist wieder da und stellt sich heute vor. Er grĂŒĂŸt Dich und all die Getreuen in Stadt und Land und freut sich, daß er wieder landauf, landab ziehen kann, um Dir den Gruß aus Klause und den Kinderheimen zu bringen. Sicher nehmt Ihr ihn alle freudig auf, denn ihr wißt, was er Euch allen war bis zu seiner Verbannung - ein lieber Freund und Wegbegleiter, ein Berater und FreudenbringerfĂŒrst fĂŒr stille Stunden. Das will er auch in Zukunft sein. Er will Euch erbauen, will Euch erzĂ€hlen, will Euch berichten aus dem Kinder- und Jugendreich, will Alten und Jungen, Großen und Kleinen aus dem Leben etwas geben. Ja, der “Kinderfreund” ist unser liebster Freund! – so soll es sein und bleiben. In harter, armer Zeit haben wir es gewagt, unter großen Opfern dem “Kinderfreund” wieder auf die Beine zu helfen, um so dem Wunsch der vielen, vielen Mitglieder und Freunde der armen Kinder zu erfĂŒllen.
Nun wollen wir diesen so lang Vermißten aber auch so frohen Herzens aufnehmen, wie wir unsere lieben Vermißten aufnehmen wĂŒrden, wenn wir diese wieder in der Heimat hĂ€tten. Kein Opfer wollen wir scheuen oder darf uns zu groß sein. Es ist ja fĂŒr den “Kinderfreund” und damit fĂŒr die armen Kinder und zutiefst und zuletzt fĂŒr den göttlichen Kinderfreund!
Wir haben Euren Wunsch erfĂŒllt und bitten Euch alle nun und jeden einzelnen: ErfĂŒllt auch unseren Wunsch im Jahre 1950! Das neue Jahr muß das Werbejahr fĂŒr unser Rettungswerk werden. Wir wollen zur Großaktion ausholen, um möglichst viele neue Mietglieder zu gewinnen, um so die Verluste des
unseligen Krieges wieder auszugleichen. Es fehlen uns heute noch rund 31.000 Mitglieder gegenĂŒber den Jahr 1939! Dabei haben wir die Mitglieder aus dem 3. Orden, die uns einst beim Verbot des Franziskusblattes verlorengingen, noch gar nicht mitgerechnet. 102 Förderinnen und Förderer sind uns wĂ€hrend der Verbannungszeit des “Kinderfreundes” durch den Tod entrissen worden, wofĂŒr wir bis zur Stunde noch keinen Ersatz haben. Bei all diesen Aufstellungen sind die unserem Vaterland verlustig gegangenen Ostgebiete noch gar nicht einbezogen.


Liebeswerkmitglieder!
Versteht Ihr jetzt unseren Wunsch, unsere Bitte, im neuen Jahr auch neue Mitglieder zu werben!
1. Weil die entsetzlichen Kriegsverluste ausgeglichen werden mĂŒssen.
2. Weil die Alten, unsere Veteranen im Dienste des göttlichen Kinderfreundes, allmĂ€hlich wegsterben und der ganze Mitgliederstand sich erneuern muß.
3. Weil wir die heilige Pflicht haben, als tĂ€tige Mitglieder, armen, verlassenen, verstoßenen, eiternund heimatlosen Kindern Schutz, Hilfe, Pflege und Erziehungsmöglichkeit zu bieten. Weil wir um so mehr Kinder retten können, je grĂ¶ĂŸer die Mitgliederzahl des Liebeswerkes ist. Weil wir damit dem göttlichen Kinderfreund eine Freude bereiten.
So wollen wir fester denn je zusammenstehen. Geht mutig ans Werk! Die Liebe zu den armen Kindern wird Euch den Weg zu der Menschen Herz finden lassen. 1950 ist Werbejahr!
Der Dank der beglĂŒckten Kinder bleibt Euch im tĂ€glichen Gedenken bei Gebet und hl. Opfer fĂŒr die WohltĂ€ter. So wĂŒnsche ich Euch allen von Herzen ein recht gottgesegnetes Jahr 1950 fĂŒr Eure eigene Seele, fĂŒr Eure Familien und unser Seraphisches Liebeswerk!
Aus diesen Zeilen spĂŒrt man die Begeisterung des Neuanfangs, den Mut, nach vorne zu gehen, und das Wollen, das Liebeswerk wachsen und erstarken zu lassen. Dieser Anruf halte als ein wunderbares Echo wider.
P. Ladislaus, der damalige Direktor, hatte das Jahr 1950 zum “Werbejahr fĂŒr das Seraphische Liebeswerk" ausgerufen. Wir erinnern uns, daß in diesem Jahr, seit dem Verbot der Zeitschrift “Seraphischer Kinderfreund", diese zum ersten Mal auch wieder erschienen war.
Das Jahr 1950 war von Papst Pius XII. zum Heiligen Jahr erklÀrt worden. In diesem Jahr erlebte das Kinderheim einen Höhepunkt. Ein Ehemaliger des Kinderheims, P. Camillus war zum Priester geweiht.
Zweimal drei Jahre lang war P. Camillus Provinzial der Rheinisch-WestfĂ€lischen Kapuzinerprovinz. Im Heft des Monats Juni schreibt P. Camillus in einem Dankesgruß an die Liebeswerksfamilie unter anderem: “Die Tage der Freude und der Festlichkeiten sind vorĂŒber, der graue Alltag der Arbeit und des Studiums hat wieder begonnen. Aber noch lebendig wach lebt in mir das tiefe Erleben dieses Tages meines ersten heiligen Meßopfers, das Wissen um die große Dankbarkeit, die ich nĂ€chst Gott meinen Pflegeeltern und Erziehern, besonders den Leitern, Mitgliedern, Förderern, Freunden und Gönnern des Seraphischen Liebeswerkes gegenĂŒber trage.
Gott allein weiß um die ganze GrĂ¶ĂŸe und Weite dieser Last. Ihm habe ich sie beim feierlichen Primizamt an der Wiege des Seraphischen Liebeswerkes in die HĂ€nde gelegt mit der innigen Bitte, er möge in seiner Liebe und GĂŒte all den edlen Helfern vergelten, was ich und die große Schar der Jungen und MĂ€dchen des Liebeswerkes nicht vergelten können... Wenn zum Schluß noch eine Bitte anfĂŒgen darf, so ist es diese: Bewahrt dem Liebeswerk die Treue! Mit priesterlichem Gruß und Segen Euer dankbarer P. Camillus."
Beim Durchstöbern der alten Liebeswerkhefte in unserm Archiv bin ich auf einen interessanten Artikel von P. Ladislaus gestoßen. Ja man höre und staune! Wußten Sie alle, daß es ein Vereinsgebet gibt? P. Ladislaus schreibt in dem oben genannten Artikel:
“Liebe Mitglieder des Liebeswerkes! Wie steht es mit dem Vereinsgebet? Ist das denn ĂŒberhaupt notwendig? Oder ist das vielleicht ein alter “Zopf”, den man von frĂŒher in die Neuzeit gerettet hat, um das religiöse Moment in der Apostelarbeit zu betonen. Sollte es nicht genug sein, wenn du dein monatliches Almosen zum Kinderrettungswerk gibst? Wenn du so dĂ€chtest, hĂ€ttest du das tiefe Wesen der Liebeswerkarbeit noch lange nicht erfaßt. Sicher ist das monatliche Geldopfer, der Mitgliedsbeitrag, notwendig und fĂŒr alle ein SelbstverstĂ€ndnis. Aber eben so selbstverstĂ€ndlich muß dir dein Beten in den großen Liebeswerksanliegen sein ... Wir können nur pflanzen und begießen. Das Wachstum aber gibt Gott! “Wenn der Herr das Haus nicht baut, so bauen die Bauleute vergebens.”
Deshalb braucht es viel Gebet und Opfer fĂŒr die Kinder des Liebeswerkes, fĂŒr unsere “schwierigen FĂ€lle”, an denen die Nicht-Optimisten verzweifeln möchten. Wir aber sind Optimisten und glauben fest an die Rettung unserer SchĂŒtzlinge.”
Hier das Liebeswerkgebet:
 
 â€œDich, o Jesus, bitten wir, komm Deinen Kindern zu Hilfe, welche Du durch Dein kostbares Blut erlöst hast!
O Maria, du Mutter des Guten Hirten,beschĂŒtze die armen Kinder! Heiliger Franziskus, Vater der Armen, bitte fĂŒr sie!" Im Juliheft nimmt der “Seraphische Kinderfreund" zu einem Artikel in der Rheinzeitung Nr. 110, den er in der genannten Nummer auch abdruckt, Stellung. Das Geschehen hĂ€tte sich auch heute ereignen können:
Die Rheinzeitung Nr. 110 berichtet:

“Am Kölner Ring wurden zwei MĂ€dchen im Alter von sieben und acht Jahren aufgegriffen, von denen vor allem die achtjĂ€hrige Rosemarie einen furchtbaren, verwahrlosten Anblick bot. Sie war halb verhungert, am ganzen Körper von Narben ĂŒbersĂ€t, hatte eine schwere offene Wunde am Kopf und wog nur noch 34 Pfund. Die Ermittlungen ergaben, daß die Kinder zu Hause von ihren Eltern in furchtbarster Weise mißhandelt worden waren. Die Rabeneltern hatten sich jetzt vor Gericht zu verantworten. Die Verhandlung entrollte ein furchtbares Großstadtbild. Elf Kinder zĂ€hlen zu dieser Familie. Das Gericht verurteilte die Mutter zu fĂŒnf Monaten und den Vater zu drei Monaten GefĂ€ngnis." - Soweit die Rheinzeitung. Nun der Kommentar des Kinderfreundes: “Man liest diesen Fall in der Zeitung, klappt das Blatt zu und legt es beiseite. Was geht das alles uns an? Ist das nicht die Kainsfrage! Hat uns das Gelesene nichts zu sagen! Sind das nicht Zeichen der Zeit! Und doch nennt man unser Jahrhundert das Jahrhundert des Kindes. Man geht zur Tagesordnung ĂŒber.
 

Was sind wir Menschen heute so oberflĂ€chlich geworden. MĂŒssen wir nicht tiefer werden? Denkende Menschen muß solch eine Zeitungsnotiz zutiefst erschĂŒttern. Wie konnte es soweit mit diesen armen Kindern kommen? Wo blieb die Nachbarschaft? Waren denn alle Umwohner blind? Wo blieben die Christen, die BrĂŒder und Schwestern in diesen Kleinen sahen? Jetzt wird die FĂŒrsorge eingreifen mĂŒssen. WĂ€re Vorsorge am Platz gewesen, und viele KindertrĂ€nen wĂ€ren ungeweint geblieben.
Das Liebeswerk leistet diese “Vorsorgearbeit” und nimmt sich des gefĂ€hrdeten Kindes an. Zu dieser Mitarbeit seid ihr alle als Liebeswerksmitglieder berufen. Drum meidet solche FĂ€lle den zustĂ€ndigen Caritasstellen, FĂŒrsorgevereinen oder direkt der Zentrale des Liebeswerkes in Koblenz-Ehrenbreitstein."
Es ist erfreulich zu erfahren, wie das Liebeswerk solche Geschehnisse nicht nur wahrnimmt, sondern sich einmischt, Stellung bezieht, aber was noch wichtiger ist, zugleich konkrete Hilfe anbietet.
“Er lĂ€utete die Notglocke fĂŒr arme Kinder”
Das Seraphische Liebeswerk begann sich nach dem Zweiten Weltkrieg und den Nachkriegsjahren zu erholen. 1.000 Kinder und Jugendliche wurden in dieser Zeit vom Liebeswerk betreut. Man schrieb den 13. November 1950. Es war der Tag, an dem der Rundfunk aus Anlaß der Caritas-Opfer-Woche eine Reportage ĂŒber das Seraphische Liebeswerk brachte. Um diese Zeit lag der Rektor des SLW, P. Ladislaus Lohoff im Krankenhaus in Bensheim und rang mit dem Tod. Am 15. November starb P. Ladislaus. Er war neben P. Cyprian Fröhlich in der Geschichte des Liebeswerkes der Rheinisch-WestfĂ€lischen Kapuzinerprovinz derjenige, der dem Werk großes ansehen brachte und der bei vielen Ă€lteren Mitgliedern bis auf den heutigen Tag lebendig blieb.
P. Ladislaus war am 20. Juli 1878 auf dem Hof Brochtrup bei LĂŒdinghausen geboren. Er war ein echter Westfale und stammte aus einem tief religiösen Elternhaus. Sein Taufname war Theodor. In Werne lernte er die Kapuziner kennen und wollte solch ein Kapuziner werden, wie er sie in Werne erlebt hatte. So entschloß er sich, daheim Privatstunden zu nehmen, die ihn soweit vorbereiteten, daß er nur noch drei Jahre die Kloster- und Missionsschule der Kapuziner in Straßburg-Königshofen zu besuchen brauchte, um seine Gymnasialstudien zu beenden.

Am 1. Oktober 1898 trat er in das Noviziat der Kapuziner in Sigolsheim/Elsaß ein. Die philosophischen
und theologischen Studien machte er an den Ordenshochschulen Kleve, Krefeld und MĂŒnster. Am 28. Mai 1904 empfing er in MĂŒnster die Priesterweihe. Bald nach seiner Priesterweihe wurde er Lehrer an der Ordensschule und unterrichtete die FĂ€cher: Mathematik, Englisch, HebrĂ€isch und Religion. Seine eigentliche Lebensaufgabe erhielt er beim Seraphischen Liebeswerk. Als P. Ladislaus 1920 die Leitung in Ehrenbreitstein ĂŒbernahm, war das Herannahen der Inflation schon zu spĂŒren. Die MitgliedsbeitrĂ€ge waren gleichgeblieben, Pflegegelder, Waren und Kinder waren schon um das FĂŒnf- und Zehnfache gestiegen. Damals entschied sich Pater Direktor im St. Franziskusblatt das “Notglöckchen” zu lĂ€uten. Es ging um den Bestand des Kinderheimes. Der Ruf wurde gehört. Besonders die Mitglieder des III. Ordens des heiligen Franziskus waren angesprochen. Und sie brachten manches große Opfer, um das Seraphische Liebeswerk und das Kinderheim am Leben zu erhalten.
Das Liebeswerk der Rheinisch-WestfĂ€lischen Kapuzinerprovinz hatte damals nur ein eigenes Heim, das 1903 gegrĂŒndete Antoniushaus auf dem Arenberg. Nach einer kurzen Unterbrechung, ĂŒbernahm P. Ladistaus 1927 zum zweiten Mal die Leitung des Seraphischen Liebeswerkes und des Kinderheims und behielt diese bis zu seinem Tod. Noch im gleichen Jahr, als er zum zweiten Mal die Leitung ĂŒbernahm, erwarb P. Ladislaus das Kasino des Traindepots in Ehrenbreitstein und richtete dort ein Heim fĂŒr Lehrlinge ein. Ein drittes Haus, das Kathrinenstift, kaum spĂ€ter hin. In diesen Heimen konnten bei weitem nicht alle Kinder des SLW untergebracht werden. Das Streben des Werkes ging dahin, geeignete Familien zur Pflege, zur Erziehung oder auch zur Adoption ausfindig zu machen.
Den Kindern wie dem Liebeswerk galt ĂŒber 25 Jahre die ganze Sorge von Pater Ladislaus, bis er hier auf Erden am 15. November 1950 seinen Weg beendet und vom Herrn, dem er in den Kindern gedient hatte, die FĂŒlle des Lebens zu empfangen.
Über sein BegrĂ€bnis wird berichtet: Am 20. wurde P. Ladislaus zu Grabe getragen. Drei volle Tage war er in der Kapuzinerkirche aufgebahrt und immer war sein Leichnam umlagert von Betern und solchen, die in ihm den Brotvater, Rater und Helfer betrauerten. Die Kapuzinerkirche konnte die Menschen kaum fassen, die am Morgen der Beisetzung dem schlichten Kapuzinerpater die letzte Ehre gaben und Dank fĂŒr sein selbstloses Wirken abstatten wollten.

 

 

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